Inklusion und Integration an der KAS

Letztes Jahr gewannen sie den fünften Fulda Cup – sowohl den ersten Platz nach Punkten als auch den Fairplay-Preis. Die Jahre davor hat die inklusive Fußball-AG der Konrad-Adenauer-Schule (KAS) bei dem Turnier immer verloren, „aber dieser Erfolg hat alle in der AG ziemlich gepusht“, erzählt Trainer und Lehrer Steffen Schulte. move36 hat die Kicker beim Training besucht.

Montagnachmittag, 13.45 Uhr in der Sporthalle der KAS: Rund 30 Schüler, Flüchtlinge und Jugendliche mit Handicap vom antonius – Netzwerk Mensch versammeln sich in der Halle, auch drei Mädchen sind mit von der Partie. Trainer Steffen Schulte stellt drei neue Kicker im Team vor. Dann kommt er auf unseren Praktikanten Lukas Lang und mich zu sprechen: „Auch wenn die beiden von der Presse sind, bleibt bitte ruhig, nicht dass sie nachher mit Kopfschmerzen nach Hause gehen.“ Die Jugendlichen sind sichtlich unbeeindruckt von uns und wir müssen schmunzeln.

Leistung wird hier ganz klein geschrieben

Selbst Mannschaften zu wählen sei manchmal ganz schön schwierig, erzählt der 32-jährige Mathe- und Biolehrer. Diesmal aber läuft das recht fix, die vier Teams haben sich schnell gefunden. Aufwärmprogramm und Trainingseinheiten bekommen Lukas und ich nicht zu sehen. „Ich lasse sie einfach zocken“, sagt Schulte. Leistung steht in der AG weit unten. Hier geht es darum, junge Menschen mit Behinderung und seit neustem auch Flüchtlinge mit anderen Jugendlichen zusammenzubringen – ohne Berührungsängste, ohne Vorurteile.

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„Die Flüchtlinge und Behinderten sind alle korrekt, und es macht Spaß mit allen zusammen zu spielen“, erzählt der 15-jährige Osman, Schüler an der KAS. „Es ist toll, hier zu spielen, ich komme seit drei Jahren jeden Montag hier her“, sagt auch der 22-jährige Niko aus dem Antoniusheim. Er und meistens vier oder fünf andere aus dem Heim fahren jede Woche auf eigene Faust zum Training. Ein gewisses Maß an Eigenverantwortung ist wichtig für die Jugendlichen, sagt auch Trainer Schulte.

„Das war wie ein Selbstläufer“

Als er vor über vier Jahren die Kooperation mit dem antonius – Netzwerk Mensch begann, habe er vor dem ersten Training gedacht: „Oh Gott, wie mache ich das jetzt?“ Aber die Sorgen verflogen schnell. „Das lief alles mega unproblematisch, die Kids haben einfach drauf losgezockt – das war wie ein Selbstläufer“, erzählt er.

Gerade Erwachsene sehen oft Probleme, wo Kinder und Jugendliche sie überhaupt nicht wahrnehmen, weil sie ehrlich sind, weil sie noch nicht in Kategorien denken, die Menschen voneinander abgrenzen. „Der Mensch ist Mensch, ich sehe da keine Unterschiede. Fußball verbindet uns alle“, findet Osman. Alle sind gleich und gleichzeitig so verschieden. „Das ist eine Geschichte, in der Inklusion funktioniert“, so Schulte. Im Klassenraum sei das schon schwieriger umzusetzen.

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Die Hälfte der Trainingszeit ist rum und wir sind beeindruckt: Es ist wirklich wie ein Selbstläufer, die Spieleraufstellung bedarf keiner langen Diskussion – wer im Tor steht und wer stürmt, ist ohne Umschweife klar. Während ich mit Schulte rede, kicken die ausgewogenen Teams und erinnern ihren Trainer zwischendurch an die Teamwechsel: Anstoß! Die Kugel zischt an uns vorbei, flott wie jedes andere Fußballspiel. Ab und an müssen wir dem Ball ausweichen. Pass nach rechts außen, Sprint nach vorne und Flanke vors Tor – der Schuss sitzt! Egal, weiter geht’s, den Kopf lässt hier keiner hängen.

Währenddessen spricht Lukas mit dem 13-jährigen Milkyas aus Eritrea, vor fast drei Jahren ist er mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Er spricht mittlerweile fließend Deutsch, wohnt mit seiner Familie in Horas und geht auf die KAS. „Später möchte ich mal ein professioneller Fußballspieler werden und im Verein Horas spielen“, erzählt er.

„Dieses Jahr gewinnen wir wieder!“

Seit kurzem zocken aber auch circa zehn Flüchtlinge mit, die die Flucht ohne Begleitung bewältigen mussten und bisher kaum ein Wort Deutsch sprechen – dem Kicken steht das nicht im Wege, wie wir sehen. Sie müssten nur noch ein bisschen Verantwortung lernen, also was es heißt, regelmäßig zum Training zu erscheinen, so Schulte.

15 Uhr. Das Training ist fast rum und in wenigen Wochen steht wieder der nächste inklusive Fulda Cup an. Am 25. Juni treten zahlreiche Teams aus allen möglichen Schulformen gegeneinander an, wobei hier nicht das Gegeneinander im Mittelpunkt steht, hier wird das Miteinander zelebriert.

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Niko vom Antoniusheim hat das letzte Mal mehrere Tore geschossen und ist sich sicher: „Dieses Jahr gewinnen wir wieder!“ Mit dem Sieg 2015 hatten sie sogar Karten für ein Bundesligaspiel im Frankfurter Stadion gewonnen – „das war eine echt coole Sache“, erinnert sich ihr Trainer. Bevor alle rausstürmen, knipse ich noch schnell ein Gruppenfoto und fahre mit einem Lächeln zurück in die Redaktion – wirklich ein schöne Geschichte, wo Menschen einfach nur Menschen sind.

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